Sonntag, 24. Oktober 2021

Zwei Welten, die so unterschiedlich gar nicht sind

Vor einigen Jahren gab es in Deutschland einen Hype um Burlesque. Den erotischen Tanz, der in den 20er-Jahren sein Hoch feierte. Einen gehörigen Anteil an diesem hatte Dita von Teese. Sie verschaffte dem kunstvollen Striptease eine neue Plattform und belebte eine Kunst wieder, die lange wenig beachtet wurde. So wurde in den 2010er-Jahren Hamburg zum Mekka für Tänzerinnen und Fans. Heute, wie könnte es auch anders sein, liegt das Epizentrum der Burlesque-Szene in Berlin.

Im Namen des guten Geschmacks

Manchmal muss man sich verträumt umschauen, so rasant haben sich die Zeiten geändert. So wird die Welt immer digitaler, die Auffassungsgabe immer kürzer und Millionen Menschen sind abhängig von Pornofilmen, die 24/7 online verfügbar sind. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Erotik. Die Genusssucht hat eine immer niedrigere Toleranzgrenze und will schnell befriedigt werden. Schnelle Lust, schnelles Anheizen, schnelle Befriedigung. Somit hat sich das „Patent“ der Wirtschaft – das stetigen und schnellen Wachstums – ebenfalls auf die emotionale Ebene übertragen. Denn die Erfüllung von Gelüsten muss jederzeit verfügbar sein und ja nicht zu viel kosten oder gar lange dauern. Doch einige Bereiche stemmen sich vehement gegen diesen Trend. Damit ist zum einen Burlesque gemeint, aber auch im Escort Service sieht man diesen “Trend”.



Im Gegensatz zum großen Teil der Laufhäuser, Bordelle oder zwielichtigen Etablissements präsentiert sich der Escortservice auf einem ganz anderen Niveau. Sicher, Ausnahmen gibt es in jeder Branche. Dennoch ist das, was etwa Oneandonly Escortservice bietet, nicht mit den klassischen Offerten der Damen und Herren zu vergleichen, welche im regulären Betrieb der sexuellen Dienstleistung bundesweiter Standard ist. Hier wird Wert auf Niveau, ein intelligentes Miteinander auf Augenhöhe und Stil geachtet. Vor allem, da die Damen dort tagsüber Ärztinnen, Führungskräfte oder Studentinnen sind. Das Offerierte geht zudem weit über den reinen Sex hinaus. Selbstverständlich schlägt sich das im Preis nieder. Wer allerdings einen gewissen Anspruch hat, der kann nicht erwarten, diesen „billig“ befriedigt zu bekommen. Schließlich lässt sich auch kein Fiat Punto bezahlen und die Leistung eines Aston Martin Valkyrie erwarten.

Pure Weiblichkeit in ihrer Reinform

Anders präsentiert sich die Burlesque-Szene, in der tätowierte Rockabilly und dem Look der Monroe einmalige Momente schaffen. Das Flair geschwängert vom Ambiente der 1920er-Jahre, dunkle, leuchtende Farbtöne, lasziver Swing und Barfrauen in High Heels, die dem bunten Publikum feuchte Glückseligkeit in Gläsern serviert. Dazu: blinkende und funkelnde Accessoires an den Wänden, Kronleuchtern und selbstverständlich nackte Haut. Kontrastreich abgerundet mit leuchtenden Lippen, langen Fingernägeln, Nipplepasties und viel Glitzer. Präsentiert wird ein Schönheitsideal in voller Weiblichkeit, abseits des „Mainstreams“ und den gephotoshopten Schönheiten, die beim Ablegen der Filter aussehen wie – ja, wie ganz normale Frauen eben, so, wie man sie aus der freien Wildbahn kennt.

Dabei hat Burlesque in etwa so viel mit dem modernen Striptease und Pornogehabe zu tun wie der Escort Service mit der klassischen Prostitution oder zumindest mit dem, was sich mancher unter dieser vorstellt. Beide Branchen zielen darauf ab, einen tatsächlichen Mehrwert zu schaffen – für sämtliche Beteiligten. Im Burlesque ist es die Chance, jede Nacht jemand anders sein zu können, sich geben zu können, wie man normalerweise nicht ist und damit Fantasien zu bedienen, die unerfüllt bleiben dürfen. Schließlich ist der schlangenhafte Tanz nun einmal genau das: ein Tanz. Er transportiert Kunst, vermag es das Publikum zu verzücken und Menschen vor Freude aufschreien zu lassen.

Denn abseits der weiblichen Formen, die schonungslos im lasziv erotischen Bewegungsablauf mit Champagner, Licht und Musik zur Geltung gebracht werden, steht die Wiederbelegung der Kunstform, wie sie vor rund 100 Jahren gelebt wurde. Selbstverständlich unter Berücksichtigung modernster Möglichkeiten. Dabei zeigt sich, das viele Tänzerinnen ebenfalls wie beim Escortservice tagsüber einer völlig anderen, häufig recht eintönigen Arbeit nachgehen. „Brotberuf“ nannte man das früher einmal. Doch hinter der Fassade der Lehrerin, der Buchhalterin oder der Wertpapiermanagerin steckt eine Power-Frau, die des Nachts in ihre ganz besondere Rolle schlüpft.

Zwanglos genießen

Interessant ist zudem, dass es perfekte Maße im Burlesque nicht zu geben scheint. Egal welche Körpermaße die Künstlerin hat,  im burlesquen Tanz findet jede Frau ihren Platz. Denn neben den erotischen Posen geht es immer auch darum, die Elite zu karikieren und die Bewegungen mit Musik, Parodie und der nötigen Brise Humor zu kombinieren. Frauen mit Silikonbrüsten und mit Botox zu einem Schönheitsideal aufgeblasen, wollen die Besucher nicht sehen. Zudem entscheiden die Tänzerinnen selbst, wann sie wie auf die Bühne treten wollen. Einen Zwang gibt es nicht.

Ganz ähnlich verhält es sich mit den Damen des Escortservice. Selbstverständlich werden hier Fantasien geschürt. Was die Frauen, aber auch die Männer dann letztendlich tatsächlich erwartet, steht auf einem anderen Blatt. Zudem müssen Frauen bei dieser besonderen Art der Blind Dates nichts zwingend erfüllen. Passt die Chemie nicht oder gibt es andere Unwägbarkeiten, steht es ihnen immer noch frei, auf das Geld zu verzichten und das Abenteuer abzubrechen. Schließlich verkaufen sie, wie auch Burlesque-Tänzerinnen, eine Idee, eine Illusion. Hier gibt es keine streng tickenden Uhren oder eine enge Taktung. Im Vordergrund stehen Charme, Bildung und ein Treffen auf Augenhöhe.

Dabei gibt es noch etwas, was Burlesque und den Escortservice, so unterschiedlich sie auch auf den ersten Blick sein mögen, eint: Sie kämpfen beide für eine gesellschaftliche Akzeptanz. Denn Burlesque-Tänzerinnen als auch die Begleitdamen kommen bei vielen Menschen ethisch nicht gut weg. Dabei ist die Mission der einen, etwa völlig Normales zu enttabuisieren und die anderen wollen endlich als das angesehen werden, was sie sind: Eine Dienstleistung, bei der endlich Schluss sein muss mit falscher Scham, Heuchelei und Ausgrenzung.