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Mein Sohn Helen – ein Transgendermärchen im Ersten

oder mal ein Beispiel warum ich Rundfunkgebühren manchmal als sinnvoll erachte

TV/ Mein Sohn Helen
© ARD / Ninety Minute Film GmbH

Nun hab ich mitten in der Nacht Zeit gefunden mir die Produktion zum Thema Transgender mit dem reisserischen Titel „Mein Sohn Helen“ anzusehen und kann sagen… joahh warum nicht? Warum sollte man nicht das unglaublich schwierige Thema, das vom Großteil der Gesellschaft zumeist unverstanden, abgelehnt oder bestenfalls belächelt wird, genau so aufarbeiten? Sicherlich war der Streifen an manchen Stellen etwas „überdidaktisch“ und an anderen wieder zu weichgespühlt und für das gute Gefühl „gephotoshopped“ aber im Grunde wurden viele der Probleme zumindest kurz beleuchtet. Die Zerrissenheit, die Angst vor Verlust, der Weg in eine ungewisse Zukunft… und vor allem der Umgang mit dem anderen Ich. Wenn man wie ich, als Teilzeitmuddi über die Bühnen, Veranstaltungen und Aftershow Promikantinen zieht, dann trifft man gerade in Berlin eher Menschen, die mit diesem Thema schon einmal in Berührung gekommen sind. Wenn ein innerlich zerrissenes Kind oder Teenager irgendwo in Deutschland sich outet, dann glaube ich zeigt der Film nur einen Bruchteil der Probleme und Missverständnisse, die diesem Menschen blühen, auf einem unglaublich steinigen Weg.

Hier muss ich sagen, waren mir einige typische Regularien der Behörden mit dem Thema Transgender tatsächlich nicht bekannt. Manch eine/einer mag mir vorwerfen, nicht den ganzen Weg gegangen zu sein oder zu gehen… manch eine/einer hat mich deswegen schon auf sozialen Netzwerken „entfreundet“ und mir vorgeworfen ich pick mir die Perlen des Lebens heraus und scheue die Konfrontation, wieder eine andere hat mir ganz zu Beginn meines Zweithaarabenteuers vor 10 Jahren gleich zum Vorwurf gemacht, das ich doch bitteschön nun auf Männer zu stehen hätte. Dabei sind die Wege dieser Zerrissenheit so vielseitig wie das Leben und die Natur selber. Abgesehen davon durfte ich schon einigen Herausforderungen in die nackte und manchmal eklige Fratze schauen. Zu erwarten das eine ARD Produktion, wie „Mein Sohn Helen“ in 90 Minuten eine Antwort auf alle Fragen gibt, ist völliger Blödsinn. UND DOCH behaupte ich das der Film einigen Betroffenen Mut gemacht hat – Mut zu sich zu stehen und das nicht erst, wenn man sein halbes Leben mit der ewigen Frage verplämpert hat: „kann ich oder darf ich?“.

Heino Ferch spielt eine überaus glaubhafte Vaterrolle, mit all den Fragen und Ängsten, die ein durchschnittlich toleranter Vater in der Situtation hat, zumindest die ersten 60-70 min. lang… die Friede-Freude-Eierkuchen Nr. am Schluß, gepaart mit der völligen Integration von Helen alias Jannik Schümann, sehe ich eher in einem Happy-End-Märchen. Ein Wunschdenken das ich allen Betroffenen aus tiefstem Herzen wünsche. Abgesehen davon sind es nicht die Träume und Wünsche, die uns weiter streben lassen? Sie machen es möglich an etwas Unerreichbares zu glauben und letztendlich auch… es zu erreichen. Helens unbeugsamer Wille diesen Weg zu gehen war mir ebenfalls nicht fremd und ich bin auch der Meinung – das nur unglaublicher Mut hilft, das zu bestehen. Noch heute gibt es Situationen, die mir diese Stärke abfordern – aber bevor der Wankelmut Einzug hält – wird ein freundliches Lächeln auf die geschminkten Lippen aufgesetzt und mit zielgerichtetem Schritt direkt drauf zugegangen. Ausgrenzungen im Freundeskreis oder der Arbeitsstätte habe ich zwar erfahren aber auch hier stand auf meiner Fahne: Wer nicht mit mir geht ist gegen mich – also soll er / sie  / es sich verpissen. Niemand soll dogmatisch von meiner Art der Lebensführung überzeugt werden – aber mein lieber Herrgott… es muss doch möglich sein das zu respektieren. Das gilt im übrigen sowohl für vorsintflutliche Heten als auch für unbelehrbare schwule Menschen. Letztere trifft man zwar seltener – aber man trifft sie.

TV/ Mein Sohn Helen
© ARD / Ninety Minute Film GmbH

Ich hab dem Film gern gesehen.. und das sage ich selten bei deutschen Produktionen. Schöne musikalische Tracks untermalen die vertrauten Bilder und lassen MEIN Berlin wieder einmal normbefreiter wirken – zumindest ein bisschen. Gedreht an Drehorten, die ich selber schon unzählige Male besucht habe, gaben Vertrauen und dann gab es da doch die eine interessante Gemeinsamkeit. Vor nunmehr 10 Jahren, als ich für meinen Teil herausfand, das es da etwas gibt, was ich gern ausprobieren wollte, half auch das JOGGEN. Bis zu 30 km hab ich zu später Stunde, teilweise bis weit nach Mitternacht zurückgelegt um über Dinge zu sinnieren, die ich im Tagesalltag nicht hätte lösen können. Joggen reinigt die Seele und auch wenn ich heute noch ab und zu rennen gehe – so hat der Film mir gezeigt, das ich DAS sehr vermisse und wiedererlangen möchte.
Nachtrag… kaum war der Morgen geboren hat mein Geist meinen Beinen befohlen laufen zu gehen… und es war schön.

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