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Fast normal im Renaissance Theater

oder sing ein Lied vom vergessen

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Auch wenn das in Europa wohl einzigartig erhaltene Art-Deco Theater vielleicht etwas verstaubt wirken könnte, gibt es dort zeitgemäßes Theater und sozialkritische Musical Inszenierungen. Aktuell kann man mit Katharine Mehrling in Fast Normal ein Thema beschauen, das sich mit dem Thema NORMAL auseinandersetzt. Der Plot handelt von nicht überwundenem tiefen Schwerz, der Pharmaindustrie die an Menschen gerne herumexperimentiert und letztendlich die Seele verletzt und dem kranken Wunsch in der Gesellschaft die heile Welt vorzugaukeln. Beeindruckend aber irgendwie auch verstörend. Zu Beginn wird einem eine typische Familie präsentiert – funktionierend, angepasst, durchgenormt. Zwei pubertierende Kinder, Vati als Leistungserbringer und Mutti hinterm Herd. So gut – so krank. Doch sobald der erste Lack bröckelt findet der Zuschauer ein komplett desolates Konstrukt aus Leid, Hass, Furcht und Schizophrenie auf der Bühne vor.

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Dieses Musicial kommt, wie schon RENT schnell zur Sache, möchte sich nicht lange in der Scheinwelt aufhalten und lieber dem Publikum die normalen Untiefen aufzeigen und die damit verknüpften Schicksale, die es millionenfach in unserem Land gibt. All die Saubermänner, die gerne den Finger heben, haben oftmals die größte Leiche im Keller. Und warum? Weil sie Angst haben die Wahrheit zu akzeptieren und lieber im versteckten langsam seelisch verkrüppeln und gern mal andere mitreissen. Auch wenn mir persönlich der mehrstimmige Gesang an manchen Stellen etwas zu laut war, die Technik ein paar kleine Problemchen hatte und das Licht ein paar mehr Highlights vertragen hätte, so war das Musical ein Knaller. Thematisch großes Kino, gesanglich wie gewohnt ein Genuß (nicht nur dank Katharine) und mit höchst intelligentem Bühnenbild.

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Am Ende stellt man sich die Frage ob das Vergessen der Menschheit beste Medizin ist. Ob so schlimme Krankheiten wie Alzheimer, so schlimm sie auch sind, nicht vielleicht das einzige Mittel bleiben uns Menschen den verdienten Seelenfrieden zu schenken. In einer Welt in der Profitgier vor medizinischem Fortschritt steht und die Lüge des Neides bester Freund ist, kann Vergessen so heilsam sein. Die Kapazität unseres Hirns ist leider nichtmal ansatzweise ausgeschöpft und obwohl immer mehr Burnoutfälle bekannt werden, wird der Druck in der NORMALITÄT der Gesellschaft immer höher. „Normal“ sein wird zur Belastung mit Todesfolgen… einzige Medizin – Lebe Dein Leben frei von Zwängen und Regeln #beyourself.

Am Rande des Musicals gab es dann wieder eine dieser NORMALEN Begegnungen mit dem Alltag. Da man am Renaissance Theater immer schlecht ein Parkplatz findet und letztendlich auf einen bezahlten Parkplatz zurückgreifen muss endet man em Ende vor einem Automaten der NUR Münzen schluckt. Wie gut das die Crew des Theaters am Merchandise Stand eine ganze Kassette voller Kleingeld hatte – dachte ich! Wir reden hier von ca. 300 EUR in Münzgeld fein säuberlich sortiert. Auf meine höfliche Frage ob man mir einen 5 EUR Schein wechseln könne hieß es: Oh das machen wir sehr ungerne – ausserdem haben wir gar kein Kleingeld.“ (O-Ton!!) Mein ungläubiger Blick wanderte auf die sehr gut sichtbare Geldkassette direkt zwischen mir und der Dame hinter dem Tisch … und ich wiederholte die Frage erneut. Erst dann gab sie schweren Herzens zwei Zweier und einen Euro aus ihrem Schatz preis… nicht ohne nochmals zu erwänen, das es eine Ausnahme wäre… Ja nee is klar.. klingt für mich auch Fast Normal 😉

Karten für FAST NORMAL (Next to normal) gibts noch bis Ende September  hier

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